Ich kann warten. Ich kann gut warten, auf den Bus zum Beispiel. Es macht mir nichts aus, ich kalkuliere Wartezeiten im Alltag mit ein. Ich kann mir die Zeit an Bushaltestellen vertreiben, ich kann auf Anschlusszüge warten, meist mit Musik in den Ohren oder dem Buch in der Hand. Selbst wenn ich beides mal nicht habe, habe ich immer noch kein Problem damit, zu warten. Ich sehe es gelassen, man kann eh nichts dran ändern. Aus dem Warten an Supermarktkassen mache ich einen sportlichen Wettkampf – schaue mir denjenigen an, der sich zeitgleich an die andere Kassenschlange stellt – und freue mich dann, wenn ich vor ihm dran komme. Gewonnen.
Ich kann warten, wenn die Verabredung zu spät kommt. Kein Problem, das macht mir nichts aus. Allerdings habe ich einen Drang zur Pünktlichkeit mir selbst gegenüber. Dann kann ich nicht warten. Schlimm wird es, wenn ich eine Verabredung getroffen habe und jemand mitkommen will, der nicht in die Pötte kommt, dann kann auch ich unruhig werden. Dann macht das Warten keinen Spaß, da meine mir selbst gesetzte Pünktlichkeit auf einmal futsch ist und ich das nicht in der Hand habe.
Neben diesen Alltags-Warteformen gibt es noch andere Formen von Warten. Unterbewusst. Versteckt. Dieses Warten treibt mich um, erfüllt mich mit Unruhe und lässt es kribbeln. Warten, dass etwas passiert. Warten, was man nicht mit Dummrumstehen überbrückt. Warten auf den Feierabend, warten auf das Wochenende, warten auf eine Bestellung oder den Geburtstag, warten auf Veränderung oder eine Mail.
Aus diesem Warten erwächst Erwartung. Ich stelle mir Dinge vor, male sie mir aus, denke Situationen durch. Je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr warte ich darauf, desto mehr erwarte ich. Manchmal kann ich es kaum noch erwarten, im positiven wie negativen Sinn.
Die positive Seite des Erwarten ist eng verbunden mit Vorfreude. Fast immer stelle ich dann fest, dass es anders läuft als ich es erwartet habe, es mir ausgemalt habe. Das tut dem aber keinen Abruch, ich bin nicht überrascht. Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass es trotzdem schön wird.
Negatives Erwarten hingegen verläuft fast immer so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ab und zu bin ich überrascht, dass es dann doch nicht so kommt. Aber in den meisten Fällen liege ich mit meinen Erwartungen richtig.
Ich verspüre derzeit ziemlich viel Warten, Erwarten. Ich habe viele Erwartungen an mein neues Leben, an mein altes Leben. Vieles davon ist offensichtlich und naheliegend, anderes versteckt sich und kommt ab und zu mit einem Kribbeln im Bauch zum Vorschein. So wie das Warten auf den Sommer, an den man kurz denkt, kommt der Gedanke für den Bruchteil einer Sekunde zum Vorschein und verschwindet genau so schnell wieder. Dann huscht ein Lächeln über mein Gesicht.
Ich fühle mich hibbelig, unruhig. Ich erwarte einige Dinge, die ich nicht abschätzen kann, die nicht (nur) in meiner Hand liegen und deren Konsequenzen ich nicht abschätzen kann. Es gibt Tage, an denen ich es mir positiv ausmale, an anderen Tagen sehe ich schwarz. Es treibt mich um, jeden Tag. Ich bin nervös und rauche viel zu viel. Das ist ein anderes Warten als das auf den Bus.
Es gibt eine Alternative zum Warten: Handeln. Scheiß aufs Warten, werde aktiv. Nimm das Heft in die Hand. Ich kann neue Menschen kennenlernen, dem Bus entgegenlaufen, mich in der Schlange vordrängeln, meinen Geburtstag schon morgen feiern. Das geht aber nur bei Dingen, die mich alleine betreffen. Ich schrieb eine Mail, um wenigstens eine meiner Erwartungen zu mildern. Was bekam ich als Antwort? “Warte!” Das liegt dann nicht mehr in meiner Macht, Ohnmacht sozusagen. So wie das Warten auf den Sommer.
Ja, ich warte. Auf neue Menschen, auf den Sommer, auf eine Mail, auf den Besuch von Ola, Andrea und Nils, auf ein Vorankommen in meinem Job, auf neue Ziele und Anreize, auf Appetit und darauf, nicht mehr alleine aufwachen zu müssen.