Portishead. Bristol, England. Triphop. Mitte der 90er waren sie auf einmal da und stießen mit Massive Attack und Tricky eine Tür auf, die mich mitgenommen und meinen Musikgeschmack nachhaltig geprägt hat. Nach zwei Studioalben und dem legendären Live-Konzert im New Yorker Ballroom Roseland (1998 veröffentlicht) wurde es still um die Band.
Portishead galten in meinen Augen immer als Pedanten, was ihre Musik angeht. Wenn man sich “Roseland NYC” anhört, hat man das Gefühl, alles ist perfekt. Die gesamte Mischung klingt zwar nach einem Live-Konzert, aber nach einem perfekten. Ähnlich wie Pink Floyd ist alles durchdacht, jeder Beat stimmt, jede Nuance ist exakt gesetzt. Das Orchester ist genau arrangiert, nichts kommt unüberlegt oder gar zufällig daher.
Nun sind sie wieder da, zurück mit neuem Material und drei Konzerten in Deutschland. Die neue Platte, die schlicht “Third” heißen wird, kommt erst am 25.4. in die Läden. Doch ich durfte schon einige der neuen Tracks hören, denn sie haben am Sonntag hier in Köln gespielt.
Was soll ich sagen? Es war natürlich ein großes Erlebnis, so eine Band live zu sehen. Beth Gibbons in ihrer typisch zerbrechlichen Pose vor dem Mikro mit ihrer manchmal hauchdünnen, manchmal knallharten und rauhen Stimme, das Handgelenk auf den Mikroständer gelegt, versunken in ihrer Welt – allein das hat schon den Preis gerechtfertigt, den ich zahlen musste, weil ich mich zu spät um eine Karte gekümmert hatte.
Dennoch hat sich der Pedantismus entmystifiziert. Na gut, vielleicht ist das Palladium auch nicht der richtige Ort für so eine Band. Vielleicht stand ich auch schlecht an der Seite. Aber der Sound war wirklich nicht berauschend. Außerdem hatte ich das Gefühl, die Band war noch kalt, nicht eingespielt. Hier und da kleine Ausrutscher, ein Schluss wurde vermasselt, ein Mikro kratzte. Klar, das ist Live, und es tat der Stimmung und der Musik keinen Abbruch, aber es hat mein Bild von Portishead entmystifiziert. Dafür stimmte der Rest. Die Musik stand im Vordergrund, man kam mit wenig Lichteffekten aus, fast zu jedem Lied wurde nur je eine Farbe aus ein paar Strahlern verwendet. Dazu gab es drei riesige Beamer, die Bilder aus einer Art Minikameras, die überall auf der Bühne verteilt waren, auf die Fläche hinter der Bühne warfen. So sah man das Wah-Wah des Gitarristen und die Basedrum in Nahaufnahme, diverse nicht alltägliche Einstellungen, interessante Blickwinkel. Die Kameras lieferten ein schwarzweißes, manchmal verschwommenes Bild, je ein Beamer ein Bild, nebeneinander. Das hatte was. Zusätzlich ließ man Effekte über diese Bilder laufen, wie man sie noch aus alten Winamp-Zeiten kennt. Beth hat sich im Ganzen nur drei Mal übers Mikro beim Publikum bedankt, zwischen den Liedern wankte sie einfach nur den Bühnenrand entlang, fast demütig, ein Winken angedeutet, den Kopf meist gesenkt. Auch die Mischung der Songs war beeindruckend. Portishead haben nicht einfach ihr neues Album runtergespielt, sondern Altes und Neues im Wechsel präsentiert. Glory Box, Wandering Star, Numb, Sour Times, Cowboys. In der Zugabe gab es – klar – Roads.
Doch der alte Triphop, der Portishead berühmt gemacht hat, ist tot. Das hat die Band erkannt und mit ihrem dritten Album neue Wege beschritten. Was ich gehört habe, ist härter, tanzbarer. Einige Grundmuster sind erhalten geblieben, aber die Band experimentiert offenbar viel mit anderen Einflüssen. Angedeutete Postrock-Gitarren mit Geigenbögen, mehr Unterstützung von kleinen elektronischen Helfern aus Japan, Drumcomputer, auch mal eine Accoustic-Gitarre. Bei zwei Stücken habe ich mich an Chemical Brothers erinnert gefühlt, gemischt mit ein wenig Wahnsinn und Abgedrehtheit von Moloko.
Ich bin sehr gespannt, wie die Studiomischung klingen wird, denn nach diesem Abend werde ich auf jeden Fall am 25. in den Plattenladen meines Vertrauens rennen. Oder ich bestelle mir gleich die limitierte Box.
Danke erst mal für Deinen Tip. Ich bin selbst auch ein großer Portishead Fan. Ich höre gerade bei Amazon in die neue CD rein und so ganz tot ist der Triphop nicht. Die Klänge sind doch sehr vertraut und fast noch etwas dunkler als die ersten beiden CDs.
Ich habe mir die CD mittlerweile gekauft. Vielleicht solltest Du warten, bis Du meine Kritik liest, die ich schon seit längerem schreiben wollte. So ganz passt mir der neue Stil dann doch nicht…