Von Drachen und Stromschnellen

Drache

Der erste, kräftige Herbstwind ist da. Er hat die Wolken weggepustet, die Sonne scheint zum ersten Mal seit Tagen wieder. Es ist trotzdem diesig, man kann nicht sehr weit gucken.
Ich stehe am Ufer des Flusses und lehne mich gegen den Wind. Es ist kalt, und der Wind spielt mit meiner Kapuze, zerrt an meiner Hose und Jacke. Die Bäume rascheln, obwohl sie kaum noch Blätter tragen. Weiter hinten sehe ich einen Straßenfeger, der langsam einen Laubhaufen zusammenkehrt. Immer wieder fährt der Wind hinein, stößt die Blätter auseinander, wirbelt sie herum. Es scheint ihm nichts auszumachen, er kehrt mit stoischer Ruhe weiter, so wie Beppo.
Auf der anderen Seite des Flusses, auf den noch grünen Wiesen, lassen Kinder ihre Drachen steigen. Sie lachen, laufen umher, ihre bunten Schals flattern im Wind wie die langen Schwänze ihrer Drachen am Himmel. Ich würde gerne auch da drüben stehen, eine Schnur in der Hand halten und hinaufblinzeln in den blauen Himmel, wo mein Drachen schwebt.
Eine kleine Wolke zieht vorbei, verdeckt kurz die Sonne. Und sofort spüre ich wieder die Kälte des Windes, die Vorboten des herannahenden Winters. Ich schaue auf das krause Wasser, auf die unzähligen kleinen Wellen, die glitzernd die Sonne reflektieren. Es sieht aus, als würde es schneller als sonst fließen.
Wie oft habe ich schon hier gestanden und auf das Wasser geschaut? Der Fluss hat eine beruhigende Wirkung. Und doch steht er für Veränderung, sieht immer anders aus, wenn ich komme. Wie oft werde ich wohl noch hier herkommen? Es geht weiter, so wie dieser Fluss auch immer fließen wird, wird auch mein Weg weitergehen. Aber im Moment macht mein Fluss eine Biegung, verzweigt sich, durchläuft Stromschnellen mit geringer Wassertiefe. Ich muss vorsichtig navigieren, die nächsten Schritte müssen wohl überlegt sein. Die Seitenarme könnten mich ganz woanders hinbringen. Sollte ich diesen oder jenen dort nehmen? Führt der hier ans Meer? Und dieser? Verlässt er Deutschland? Dreht jener sich im Kreis? Und wohin führt der Fluss dort? Der sieht aber nett aus!

So stehe ich am Ufer und schaue aufs Wasser, am nahen Horizont wieder einmal nur Nebel. Ich weiß, es wird nicht weiter geradeaus gehen. Ich spüre Angst und Freude, bin aufgeregt und neugierig. Ich werde mir noch etwas Zeit lassen mit einer Entscheidung. Nur eins spüre ich: Ich werde nicht kentern. Ich vertraue auf meinen Fluss, er hat mich noch nie enttäuscht.
Wenn ich später irgendwann einmal wieder hier stehen sollte, den Wind im Rücken, die Sonne auf der Nase und Musik im Ohr, dann werde ich sagen können, es war richtig so.

Wer kommt mit, Drachen steigen lassen?

Ein Gedanke zu “Von Drachen und Stromschnellen

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