Tour de Ruhr

Geschrieben am 20. Juni 2010

Der RuhrtalRadweg. 230 Kilometer. Von der Quelle bis zur Mündung. Von Winterberg bis Duisburg-Ruhrort. Ein Reisebericht.

Tag 0

[inspic=844,left,fullscreen,thumb,:1] Sonntagabend war Anreise per Bahn von Köln nach Winterberg. Christian und ich hatten beschlossen, von Montag bis Mittwoch zu fahren, denn Donnerstag war schon wieder Feiertag. An solchen und an Wochenenden würde der Radweg sehr voll werden, besonders bei schönem Wetter.
Danach sah es aber gar nicht aus. Schon in der Bahn prasselte der Regen gegen die Scheiben. In Duisburg stieg ein Radfahrer zu, der den RuhrtalRadweg gerade hinter sich gebracht hatte. Völlig durchnässt und auf den Regen schimpfend fuhr er mit uns Richtung Winterberg, wo er sein Auto stehen hatte.
[inspic=843,right,fullscreen,thumb,:1]Als wir gegen 17 Uhr in Winterberg ankamen, hatte der Regen nicht wirklich aufgehört. Es nieselte, dicke Wolken hingen am Himmel. Wir wollten an diesem Tag 0 nur kurz zur Ruhr-Quelle rollen und dann ein kleines Stück weiter in eine Pension, die wir als einzige schon reserviert hatten. Die restlichen Übernachtungen würden wir uns unterwegs organisieren, um flexibel bei der Etappengestaltung zu sein. Auf dem Weg zur Quelle verfuhren wir uns drei Mal, immer obskuren Schildern folgend, die bei der nächsten Gabelung nicht mehr weiter wiesen. So fanden wir uns auf einer Wiese wieder, die richtig schönen hätte sein können, würde es nicht regnen und der Wind uns entgegenpfeifen. Ich hatte meine Regenjacke schon an, aber als Beinkleid nur ne Jeans. Sollten ja nur entspannte 10 km werden. [inspic=813,left,fullscreen,thumb,:1] Dann endlich waren wir an der Quelle. Der Startpunkt unserer Tour. Etwas Magisches haftete an dem Moment, selbst die Sonne schaute für ein paar Sekunden hinter den Wolken hervor. Wir machten die obligatorischen Fotos und ich überlegte für einen Bruchteil einer Sekunde, ob ich meine Trinkflasche wohl mit Ruhrwasser füllen sollte. Da die Ruhr aber nicht wirklich aus einer „Quelle“ kam, sondern aus dem Wald dahinter heraussickerte, ließ ich es bleiben.
Wir packten uns wieder auf die Räder, rollten das erste und einzige Mal durch die Ruhr und von da auf die Bundesstraße zur Pension. „Schau mal da, der Himmel ist ganz schwarz“, sagte Christian, und ich dachte nur, scheiße, ich hab die Regenhose nicht an. Aber die hätte auch nichts mehr gebracht. Mit 35 km/h den Berg runter, und das Wasser kam von überall. Von oben, von vorne, mit Gegenwind, von unten, es lief in die Schuhe, die Jeans klebte, die Hände trotz Handschuhe eiskalt. Als wir in der Pension ankamen, war alles zu spät. Durchnässt bis auf die Haut.[inspic=825,right,fullscreen,thumb,:1] Leider waren wir die einzigen Gäste. „Was zu Essen? Im Dorf unten gibts ein Wirtshaus.“ Super, wenn man keine trockenen Schuhe zum Wechseln dabei hat. Die Dame von der Pension war aber so nett, uns einen Pizzaservice rauszusuchen. Während wir auf das Essen warteten, stellten wir erleichtert fest, dass wenigstens die Heizung funktionierte und wir unsere Klamotten trocknen konnten. Die heiße Dusche tat so gut wie schon lange nicht mehr. So saßen wir bei Bier und Fastfood den Abend zusammen und freuten uns auf die Tour.

Der Blick auf den Tacho: 14 Kilometer gesamt.

Tag 1

Nach einem kleinen Frühstück mit abgezählten, aber leckeren Brötchen schwangen wir uns auf die Räder, bereit, die Tour in Angriff zu nehmen. Der Himmel düster, die Wolken tief, Nieselregen in der Luft, der Wind von vorn. Aber das schreckte uns nicht. Die Klamotten waren über Nacht tatsächlich getrocknet. Wir rollten. Bergab, bergauf, geradeaus. Die Strecke wechselte häufig. Kaum malein paarKilometer am Stück, immer wieder abbremsen, links rum, rechts rum, beschleunigen, weiter, weiter, weiter. [inspic=821,left,fullscreen,thumb,:1]Den Vormittag kamen wir gut voran, es ging ja auch meist bergab, immer entlang der Ruhr, quer durchs Sauerland. Vorbei an kleinen, verschlafenen Orten, durch Wälder, die einem wie Dschungel vorkam (was bestimmt auch an der feuchten Luft lag). Erklärtes Tagesziel war Arnsberg plus X. Wir stellten sehr bald fest, dass „plus X“ größer als erwartet werden könnte. Die Ruhr schwoll vom kleinen Bächlein an zum immer breiter werdenden Fluss. Olsberg flog vorbei, dann Meschede. [inspic=816,right,fullscreen,thumb,:1]Bei einem Halt machten wir uns wetterfest, denn der Regen wurde zwischendurch immer mal wieder stärker.Mit Regenjacke und -hose ging es weiter. Und dann kam auch schon Arnsberg. Wir fuhren rauf in die Stadt und rasteten zu Mittag (eher Nachmittag) bei Bratwurst und Kartoffeln. Weiter gings im Regen.Hinter Neheim folgte der Radweg nicht mehr der Ruhr, sondern der Autobahn. Es ging durch den nassen Wald, über schlammige Wege, der Dreck spritze überall hin. Dann waren wir in Wickede. [inspic=814,left,fullscreen,thumb,:1] Fahren wir noch weiter oder nicht? Was machen die Beine? Komm, noch 10 km bis Fröndenberg. Gesagt, getan. Leider folgte eine längere gerade Strecke mit viel Gegenwind und noch mehr Regen. Das war kein Spaß mehr, das war Beißen. Da, endlich, Fröndenberg.Daserste Hotel war zu teuer, das zweite perfekt. An der Rezeption sagte man uns, wir könnten unsere Räder unten in die Garage stellen. Und auf den letzten 50 m zur Garage zischte es auf einmal. Ein Loch in meinemHinterreifen. [inspic=842,right,fullscreen,thumb,:1]Nach einer Dusche mit dem Gartenschlauch für unsere Räder (was für ein Dreck!) baute ich das Hinterrad aus (Schnellspanner sei dank) und nahm es mit aufs Zimmer. Erst mal duschen, den Reifen geflickt (ein Glassplitter im Mantel) und dann was essen (Schnitzel). Wir machten noch einen kleinen Spaziergang zur Tanke für ein Feierabendbierchen und fielen ins Bett.

Der Blick auf den Tacho: 97Tageskilometer, gesamt111 km.

Tag 2

[inspic=838,left,fullscreen,thumb,:1]Nach dem Frühstück mit leckeren, nicht abgezählten Brötchen, aber nicht so viel Auswahl an Aufschnitt baute ich meinen Hinterreifen wieder ein, und es konnte weitergehen. Der Himmel zeigte sich aufgelockert, es war wärmer als am Vortag. Das könnte doch eine angenehme Etappe werden. Dachten wir. Der Schlamm war schnell wieder an den Rädern, denn die Wege waren teilweise noch sehr nass. Pfützen umkurven hieß es auf den ersten 10 Kilometern. Und dann knallte es.
[inspic=835,right,fullscreen,thumb,:1]Es war ein ziemlich lauter Knall, der von Christians Rad kam. Anhalten, absteigen, ein erster Blick, nichts zu sehen. Doch, da. Eine Speiche am Hinterrad hatte sich verabschiedet. Gebrochen. Einfach so auf gerader Strecke. Materialermüdung. Ein Blick auf die Karte, wir waren im Niemansland. 10 km zurück bis Fröndenberg? 10 km weiter bis Schwerte, wo wir bei Christians Großeltern eingeladen waren? Erst mal hoch zur Bundestraße, am Kiosk in Dellwig nachgefragt. Fahrradladen? Haha. Bahnhof? Haha. Busse? Hahaha.
[inspic=832,left,fullscreen,thumb,:1]Also schieben. Entlang der Hauptstraße, immer weiter. In Schwerte würde es einen Laden geben, aber am anderen Ende der Stadt.[inspic=833,right,fullscreen,thumb,:1] Als wir nach gefühlten 3 Stunden schieben an Geisecke vorbeikamen, tat sich auf einmal ein riesiger Fahrradsupermarkt auf. Ein Wunder? Nach einigen Diskussionen (Hier haben wir noch ein Laufrad, aber das können wir Ihnen nicht verkaufen, das ist alt, keine Garantie.) versprach man uns, in einer Stunde sei das Rad fertig. Mit neuer Speiche oder neuem Laufrad. Wir liefen also weiter bis zu den Großeltern, kamen pünktlich zum Mittag an und schlugen uns den Bauch mit Suppe, Kartoffelsalat, Würstchen und Kaffee voll. Christian holte das Rad ab (neue Speiche) und dann saßen wir endlich wieder auf dem Sattel. Der Tacho zeigte erst knappe 20 Tageskilometer an. Was für ein Rückschlag.
[inspic=859,left,fullscreen,thumb,:1] Wenigstens blieb es trocken, die Sonne zeigte sich immer öfter, es wurde wärmer. Die Ruhr wurde zur Seenplatte, die Landschaft immerflacher. Es gab keine nennenswerten Steigungen oder Abfahrten mehr.Vorbei am Hengsteysee, anHerdecke und Wetter. Weiter nach Wengern und Bommern, es wurde ruhrgebietlerischer. [inspic=857,right,fullscreen,thumb,:1]Vor dem Kemnader See setzten wir mit einer Fähre über die Ruhr (endlich mal keine Brücke) und umfuhren dann den See. Asphaltierte Strecke, rollen lassen, aber die Beine wurde immer schwerer. In Hattingen ließen wir unsere Wasserflaschen von einer sehr netten Wirtsdame auffüllen und überlegten. Hier nächtigen? Oder weiterfahren? Wir wären dann auf der „falschen Seite“ der Ruhr und die nächsten drei Käffer boten laut Karte keine Übernachtungsmöglichkeiten. Wir hatten aber erst 60 km auf dem Tacho. Also Energieriegelmampfen und weiter.
[inspic=856,left,fullscreen,thumb,:1]Die nächste Ruhrüberquerung nach weiteren15 Kilometern brachte uns vor die Torevon Essen,genauer Essen-Steele. Wir waren müde, die Beine schwer, die Stimmung am Ende. Also rein nach Steele.
Kaum ist man 100 Meter weg von der Ruhr, ist man wieder mitten im Leben. Straßenverkehr, Lkw, Lärm, Alltag, Dreck.Ein Schock.
Zum Glück gibts auch für die Suche nach einem Hotel ein App. Aber es zeigte nur zwei Hotels an. Das este, direkt an der Hauptstraße,sah von außen so wenig einladend aus, wie eine billige Kneipe, dass wir weiterfuhren. Das zweite war ausgebucht. Der Hotelier meinte, 10 km weiter der Ruhr entlang in Heisingen sei das nächste Hotel. Ein Anruf dort, ja, Zimmer sind noch frei, aber 105 Euro. Christian war schon kurz davor, in den Zug zu steigen. Kein Plan, was zu tun sei, also fuhren wir erst mal weiter. Es war schon kurz vor 20 Uhr, als wir den Abzweig zum Hotel entdeckten. Ich rief noch mals an, ja, Zimmer wären noch frei, 89 Euro. Okay, nehmen wir. Noch eine Steigung, eine fiese Steigung, hinauf nach Heisingen. Die vier jungen Mädels an der Rezeption kicherten, und wir bekamen im Nebenhaus zwei Doppelzimmer in einer Art Wohnung mit lila gekacheltem Bad, die Räderbekamen eine eigene Garage.Die Küche hatte noch bis 21 Uhr geöffnet, also schnell duschen und dank der geringen Auswahl wieder Schnitzel. So tot hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.

Der Blick auf den Tacho: 96 Tageskilometer, gesamt 207 km.

Tag 3

Die Nacht war traumlos und viel zu schnell vorbei. Zum Frühstück gabs die beste Auswahl und die schlechtesten Brötchen, dafür war das Wetter phänomenal. Sonne und blauer Himmel. Noch 40 Kilometer bis ans Ziel. [inspic=855,left,fullscreen,thumb,:1]Wir rollten los, doch irgendwas quietschte und quietschte. Es war Christians Tretlager, das aber nach der Behandlung mit einer halben Dose WD40 wieder Ruhe gab. So rollten wir den Baldeneysee entlang, an Essen-Werden und Kettwig vorbei. Die Strecke war jetzt völlig eben, sehr gut ausgebaut, meist asphaltiert und leider auch gut besucht. Immer öfter mussten wir Überholmanöver meistern, klingeln, abbremsen, antreten. Und dann waren wir schon in Mühlheim. [inspic=851,right,fullscreen,thumb,:1]Hatte man vorher selten den Eindruck, mitten im Ruhrgebiet zu sein, war es jetzt umso deutlicher sichtbar. Industrie, wohin man schaute. Aber immer nur am Horizont. Denn trotzdem führte der Radweg immer noch durchs Grüne. [inspic=850,left,fullscreen,thumb,:1]Selbst hinter Mühlheim, kurz vor Duisburg, grüne Landschaften. Dann kam der Hafen in Sicht. Um 13 Uhr waren wir mitten in Ruhrort, besuchten kurz meinen Vater auf der Arbeit, rollten durch Ruhrort und dann zum Zielpunkt, der Landzunge, wo Ruhr und Rhein sich treffen.

[inspic=847,right,fullscreen,thumb,:1]Nach 260 Kilometern und 15,5 Stunden reiner Fahrzeit hatten wir es geschafft (das macht einen Schnitt von sehr schnellen 17 km/h).

Als wir am Nachmittag mit dem Zug wieder zu Hause ankamen, standen 270 Kilometer auf meinem Tacho. Es war trotz des Wetters und der Defekte eine tolle Tour. Wir haben uns super verstanden, sind schnell und gleichmäßig geradelt. Ein Lob auch an die Beschilderung: Nur selten brauchten wir die Karte, nur selten fehlte ein Wegweiser. Es war sehr gut ausgebaut, eine tolle Streckenführung, eine tolle Landschaft, die bei sonnigem Wetter im Sauerland bestimmt noch schöner ist.
[inspic=845,left,fullscreen,thumb,:1]Aber vor allem bin ich stolz auf unsere Leistung. Wir treiben beide keinen regelmäßigen Sport und sind trotzdem super durchgekommen. Wir waren schnell, auf gerader Strecke nie unter 22 km/h, oft zeigte mein Tacho kilometerlang 24 bis 26 km/h und das bei konstantem Gegenwind auf der gesamten Strecke. Der Muskelkater hatte sich bereits nach dem ersten Tag breit gemacht in den Beinen, aber wenn man erst mal wieder rollt, dann gehts auch. Mein Arsch hingegen hat nie wirklich geschmerzt.

Welche Tour steht als nächstes an?

Alle Fotos der Tour könnt ihr hier sehen.