Das Handy schellt. Ich fahre einhändig an den Bordstein, krame mit der anderen das Gerät aus der Hosentasche. Ein kurzer Blick aufs Display und ich weiß sofort, was mich erwartet. Ich sage gar nicht erst hallo. Es lärmt, es krächzt, viel zu laut, aber ich höre ihn deutlich singen.
“Denn dies ist unsere Zeit, wir sind in dieser Nacht geborn, wie Idioten aus dem Film hab ich mein Herz an Dich verlorn. Und ist dies das neue Jahr? Du legst den Kopf in meine Arme, und er ruht sanft in meinen Händen. Und ich kann spürn, wie sichs bewegt. Und wir sind jetzt mitten drin, es wird schwierig jetzt und hart. Wenn wir hier zu lange stehn, gehn wir nie wieder zurück. Doch wohin mit all dem Unsinn? Vielleicht wärs gut wenns jetzt hier endet. Doch wir haben keine Wahl, wir rutschen tiefer und tiefer und tiefer und tiefer und tiefer und tiefer und tiefer und tiefer ins Glück.”
Meine Gedanken kreisen. Zu der jungen Familie, 200 km weit weg, die gerade auf einem Weingut zu diesen Klängen lauscht und nichts besseres zu tun hat, als mich anzurufen und daran teilhaben zu lassen. Danke, denke ich. Danke.
Aber meine Gedanken fliegen auch zu diesem Festival. Die ersten warmen Tage in diesem Jahr, Pfingsten, auf dieser Wiese. Gisbert da hinten auf der Bühne und Du so dicht vor mir. Diesen Text habe ich mitgesungen, Dir ins Ohr geflüstert. Du hast Dich umgedreht und mich geküsst.
Schlussakkord, Jubel, Pfiffe. Dann bricht die Verbindung ab, ich bin wieder am Straßenrand. Wie paralysiert stehe ich da und verpasse das Grün der Ampel. Ich steige vom Rad und schiebe ein bisschen, hänge Dir nach mit meinen Gedanken, wie so oft in diesen Tagen und Wochen. Sofort ist es wieder da, dieses Loch, dieses Gedankenkarrussell. Ich gehe noch ein paar Schritte, dann fahr ich weiter.
Als ich gerade zu Hause bin, schellt das Handy wieder. Und wieder ist es Gisbert, der singt. “Und jetzt schau nicht so geqäult, das sieht scheiße aus.” So kann mans auch sehen. Danke, Dani. Danke, Tobi!