Das Abenteuer

Geschrieben am 22. September 2012

Als ich vor ein paar Tagen früh morgens mit dem Rad  zur Arbeit fuhr – es war echt kalt geworden morgens – da lugte am Lenker zwischen Bremse und Schalthebel ein grüner Fühler hervor. An der Ampel kam ein zweiter Fühler zum Vorschein. Der Grashüpfer kletterte den Lenker entlang und ließ sich vom Fahrtwind nichts anhaben. Wo kommst du denn her, fragte ich mich. Sehr wahrscheinlich aus unserem Hinterhof. Mit dieser Erkenntnis beschlich mich die irrationale Sorge, dass mein blinder Passagier, sozusagen von zu Hause ausgerissen, es nun in der betonierten Innenstadt, wohin ich unterwegs war, es wesentlich schlechter haben würde als auf der grünen Wiese im Hinterhof. Als ich am Park vorbei fuhr, rief ich ihm in Gedanken zu, er möge doch hier abspringen. Die letzte grüne Insel für die nächsten 5 km. Aber der Grashüpfer blieb stur und wanderte langsam unter den Lenker. Ich hielt vor dem Bäcker, doch der Grashüpfer sprang auch hier nicht ab – was gut war, denn mitten in der Fußgängerzone war nun wirklich kein guter Ort für ihn. Mein Fahrrad vor dem Büro anschließend sah ich, wie er es sich unter dem Bremshebel bequem machte, sich duckte und verkroch, dass er schon fast nicht mehr zu sehen war. Die Fühler guckten noch raus.

Acht Stunden später hatte ich den Grashüpfer vergessen. Dem Feierabend entgegen, an der ersten Ampel wackelten auf einmal zwei Fühler unter der rechten Lenkerseite. Gut geschlafen, fragte ich den Grashüpfer. Wir machen uns jetzt auf den Heimweg. Und wieder stellte er seine Fühler in den Fahrtwind und schaute sich einen kleinen Teil von Köln an. Vor der Haustür musste ich ihn bremsen, ihn zur Geduld ermahnen, schloss auf und schob ihn mitsamt meines Fahrrades in den Hausflur. Kaum stieß ich die Tür zum Innenhof auf, sprang der Grashüpfer. Und so saß er da, an der Tür und schaute auf sein Reich. Ich beglückwünschte ihn zu seinem Abenteuer und winkte zum Abschied.