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Oktober im August

Herbst

Heute Nacht habe ich gefroren, obwohl ich zum ersten Mal seit Langem wieder mit T-Shirt geschlafen habe.
Ich ziehe den Vorhang auf. Es regnet. Mal wieder. Das Thermometer zeigt 15° an. Der Himmel zeigt sein schönstes Einheitsgrau. Richtig hell will es heute wohl nicht werden. Der Wind reißt und zerrt an den Blättern der Bäume. Einige resignieren, obwohl sie noch grün und saftig sind, und gehen zu Boden. So resigniert auch meine Stimmung, lässt sich mitreißen vom Wind und fällt zu Boden. In der Dusche drehe ich das Wasser immer ein Stückchen wärmer, bleibe lange darunter stehen. Doch das Frösteln will nicht weichen. Ich muss einkaufen und will nicht. Will nicht raus in die Kälte, in die Nässe, den Wind. Das Wasser läuft die Straße entlang, der Wind treibt den Nieselregen unter den Schirm. Autos fahren mit Licht, die Scheibenwischer surren. Das typische Rauschen von Reifen auf nassen Asphalt. Leute schlagen den Kragen hoch, blicken zu Boden. Oktober im August.
Sie liegt derweil in Spanien am Strand und lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Ich will auch weg…

Anruf von Gisbert

Das Handy schellt. Ich fahre einhändig an den Bordstein, krame mit der anderen das Gerät aus der Hosentasche. Ein kurzer Blick aufs Display und ich weiß sofort, was mich erwartet. Ich sage gar nicht erst hallo. Es lärmt, es krächzt, viel zu laut, aber ich höre ihn deutlich singen.
“Denn dies ist unsere Zeit, wir sind in dieser Nacht geborn, wie Idioten aus dem Film hab ich mein Herz an Dich verlorn. Und ist dies das neue Jahr? Du legst den Kopf in meine Arme, und er ruht sanft in meinen Händen. Und ich kann spürn, wie sichs bewegt. Und wir sind jetzt mitten drin, es wird schwierig jetzt und hart. Wenn wir hier zu lange stehn, gehn wir nie wieder zurück. Doch wohin mit all dem Unsinn? Vielleicht wärs gut wenns jetzt hier endet. Doch wir haben keine Wahl, wir rutschen tiefer und tiefer und tiefer und tiefer und tiefer und tiefer und tiefer und tiefer ins Glück.”
Meine Gedanken kreisen. Zu der jungen Familie, 200 km weit weg, die gerade auf einem Weingut zu diesen Klängen lauscht und nichts besseres zu tun hat, als mich anzurufen und daran teilhaben zu lassen. Danke, denke ich. Danke.
Aber meine Gedanken fliegen auch zu diesem Festival. Die ersten warmen Tage in diesem Jahr, Pfingsten, auf dieser Wiese. Gisbert da hinten auf der Bühne und Du so dicht vor mir. Diesen Text habe ich mitgesungen, Dir ins Ohr geflüstert. Du hast Dich umgedreht und mich geküsst.

Schlussakkord, Jubel, Pfiffe. Dann bricht die Verbindung ab, ich bin wieder am Straßenrand. Wie paralysiert stehe ich da und verpasse das Grün der Ampel. Ich steige vom Rad und schiebe ein bisschen, hänge Dir nach mit meinen Gedanken, wie so oft in diesen Tagen und Wochen. Sofort ist es wieder da, dieses Loch, dieses Gedankenkarrussell. Ich gehe noch ein paar Schritte, dann fahr ich weiter.
Als ich gerade zu Hause bin, schellt das Handy wieder. Und wieder ist es Gisbert, der singt. “Und jetzt schau nicht so geqäult, das sieht scheiße aus.” So kann mans auch sehen. Danke, Dani. Danke, Tobi!

Auf Los

Die Stadt zerfließt. Alles klebt. Die Farben der Häuser verlaufen ineinander, die Luft über dem Asphalt flirrt. Alles wird langsamer. Deutschlandfahnen hängen sich aus den Fenstern, weil es drinnen zu heiß ist. Auch sie bewegen sich nicht. Die Bäume lassen die Äste hängen, Menschen hecheln und schwitzen. Alles ächzt unter den Temperaturen.
Unten am Ufer ist es etwas weniger heiß, der Weg dahin aber quälend weit. Doch mit Dir und dem Sand zwischen den Zehen nach einem Bad im Fluss im Schatten zu liegen, war die letzten Tage Ansporn genug. Das Rascheln der Blätter über einem, das Plätschern der Wellen, eine leichte Brise, die über die Haut fegt, das ist Sommer.
Kommt man zurück in den Lärm der Stadt, knallt man gegen eine Wand aus Hitze. Alles klebt wieder an einem fest. Alle Fenster aufgerissen, doch an Abkühlung ist auch nach Mitternacht nicht zu denken. Feuchtwarm und dunkel liegt die Wohnung da. Der Tisch, an dem wir so oft gesessen haben, ist schemenhaft in der Küche zu erkennen. Ruhe. Nur der Kühlschrank brummt, produziert Eiswürfel am Fließband. Stelle ich mich ein drittes Mal für heute unter die Dusche?
Doch die Hitze klebt nicht nur in der Stadt und an den Menschen, auch die Gedanken fließen zäher als sonst daher. Sie laufen ineinander wie die Farben der Häuser, lassen mich nicht klar sehen. Sie schleppen sich dahin, träge, uninspiriert, humpelnd. Ich komme nicht zum Schluss, drehe mich im Kreis. Am Ende eines Tages stehe ich wieder auf Los. In welche Richtung ging es noch mal?
Und so fällt es mir schwer, diesen Text zu schreiben, die Worte aneinanderzubauen, bis sie zueinander passen. Hier ein Satz weg, da ein neuer hin, ein anderes Wort, da wieder eins ausradiert. Mühsam. Passt das so? Nein, ich hab den Faden verloren. Wo wollte ich hin? Ach ja, egal, ich steh ja auf Los.

Abendspaziergang

Regen. Feiner Regen. Der Himmel lässt mehr vermuten. Schwarzblaue Konturen in den Wolken. Jetzt in der Dämmerung wirken sie noch bedrohlicher. Auch der Wind hat aufgefrischt und die Hitze der letzten Tage fortgeweht. Die Schwüle ist vorbei. Als ich auf die Straße trete, fängt es gerade an zu regnen. Ich ziehe die Kapuze über, mache die Musik leise an und gehe los. Über die Straße, durch den Kreisverkehr, vorbei an parkenden Autos, hektischen Menschen und Hunden, in den Park. Der Wind schiebt den Regen vor mir her. Einmal rund um den See, hier stehen viele Bäume, hier ist es trockener. Der Boden ist noch warm vom Tage, die feuchte Erde riecht gut. Tausende Regentropfen auf der Wasseroberfläche, dazwischen eine Ente mit ihren Jungen. Der Springbrunnen wirkt fehl am Platze mit seiner Fontäne. Wird es da hinten nicht heller? Ein Fetzen Hoffnung? Ich schalte die Musik aus und lausche den Tropfen, die gegen meine Kapuze trommeln. Als ob ich in einem Zelt liege. Ein Lächeln huscht mir übers Gesicht, dann drehe mich um und gehe nach Hause. Als ich den Schlüssel ins Schloss stecke, hört es gerade auf zu regnen.

Tour de Ruhr

Der RuhrtalRadweg. 230 Kilometer. Von der Quelle bis zur Mündung. Von Winterberg bis Duisburg-Ruhrort. Ein Reisebericht.

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Seltsames Licht

So wie es war, solls nie wieder sein

So wie es ist, darfs nicht bleiben

Und wies dann wird, kann vielleicht

nur der bucklige Winter entscheiden

Aber wir sehn uns wieder, ganz bestimmt

Irgendwann…

Gisbert zu Knyphausen für alle Lebenslagen.

Sommer

Das grüne Gras, getränk vom Regen der letzten Wochen, ist enorm gewachsen. Weich wie in einem Bett liege ich da und blicke erst in den stahlblauen Himmel, dann in Deine braungrünen Augen. Auf einmal ist er da, der Sommer. Die Sonne schickt ihre Wärme, sie durchströmt uns. Dein Lächeln leuchtet.

Ich trete hinaus auf die Straße, es ist dunkel. Doch die Wärme des Tages hat es in die Nacht geschafft. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad, lege den Soundtrack meiner Liebe auf und genieße im Fahrtwind die Luft. Der Duft einer lauen Nacht. Es ist die erste in diesem Jahr, die nach Sommer riecht. Meine Gedanken sind bei Dir, begleiten Dich in Deinen Schlaf, träumen von Dir.

Ich freue mich auf das, was kommt.

Best of

Da oben in der Hauptnavigation hat sich zwischen Archiv und Impressum ein neuer Link gequetscht: Best of. Ich hab vorhin mal angefangen, diejenigen Artikel und Bilder herauszusuchen, die ich für vorzeigefähig halte. Ein “Best of JanBob blogt” halt.
Viel Spaß beim Stöbern in dem (meist) alten Kram.

2009 – Ein Rückblick

Januar. Ich komme von der Nordsee zurück und bin wieder allein. Es liegt Schnee, ziemlich viel und ziemlich lange. Mein Kopf blockiert, an bloggen ist nicht zu denken.

Februar. Nach langer Suche habe ich einen Schreibtisch gefunden, er macht sich gut in der neuen Wohnung. Wir richten uns weiter ein. Herr Reiter fesselt mich ans Bett. Öde Stunden im tristen Grau. Es schneit schon wieder.

März. Ich kann wieder arbeiten. Das Stadtarchiv stürzt ein. Krokusse auf dem Balkon geben einen ersten zaghaften Hinweis auf den Frühling. Ich fange an, ellenlange Mails nach Berlin zu schreiben.

April. Renko kommt gleich zwei Mal vorbei. Auf dem Geburtstag meiner Schwester schwärmen wir zu fünft vom Frankreichurlaub und fragen uns, wie das schon 6 Jahre her sein kann.

Mai. Ich fahre nach Berlin und fühle mich wohl. Das werde ich nun öfter tun. Dank der Feiertage habe ich Zeit. Die Sonne scheint wie wild. Wir unternehmen viel, erkunden mit unseren Kameras die Gegend. Ich bin tief beeindruckt von Beelitz Heilstätten.

Juni. Das Hochbett wird aufgebaut und im Zoo reißt das Flusspferd sein riesiges Maul auf. Es ist warm, es riecht nach Sommer. Freitags und Montags sitze ich oft im Zug.

Juli. Urlaub. 14 Tage faul am Strand rumliegen, Sonne, Erholung pur. Als ich wiederkomme, fahre ich ein letztes Mal nach Berlin.

August. Gleich zwei meiner ehemaligen Kommolitonen heiraten, ich spiele den Fotografen und frage mich, ob ich je heiraten werde. Es fällt mir schwer, mich von Berlin zu lösen. Die Tage schleppen sich dahin.

September. Ich bastel mir ein neues Design für meinen Blog und schreibe wieder viel mehr. Ein Brief erschüttert meine Zukunft. Wir kündigen unsere Wohnung. Der Herbst ist nicht in Sicht, ich laufe immer noch im T-Shirt herum. Ich stehe in einer verlassenen Kaserne und schieße Fotos.

Oktober. Ganz viel neue Musik strömt auf mich ein. Ich schreibe eine letzte Mail nach Berlin. Ich schmiede neue Pläne, suche nach Perspektiven, strecke meine Fühler aus nach Hamburg, Berlin und Mainz. Ich mache viele Spaziergänge, auf einmal habe ich so viel freie Zeit wie noch nie. Endlich schaffe ich es auf einen Besuch in den Süden, herrliche Tage im Herbst, um auf andere Gedanken zu kommen. Ich höhle einen Kürbis aus und stehe neben Vampiren an einer brennenden Tonne.

November. Gedanken ans Ausland kommen auf und verschwinden am Ende des Monats wieder. Ich werde hin und her gerissen, gehe auf eine Party, die mich träumen lässt. Unsere Nachmieter unterschreiben ihren Vertag. Der Anruf, dass ich Köln bleiben soll, kommt zu spät, um die Wohnung doch noch behalten zu können. Die Winterastern auf dem Balkon blühen, ich lasse zum ersten Mal in diesem Jahr einen Drachen steigen und gehe auf so viele Konzerte wie noch nie.

Dezember. Ich muss mir eine neue Wohnung suchen. Ich habe Geburtstag und lerne einen Tag später noch mehr neue Freunde kennen. Und auf einmal ist es da, dieses Kribbeln im Bauch. Es hat geschneit. Ich sitze auf einer Couch und sie nimmt all ihren Mut zusammen. Mir wird heiß und kalt und ich sage Ja. Weihnachten dauert dieses Jahr 5 Tage. Nachher gehe ich ins Stadion, Rheinfeiern.

Ein komisches Jahr, das in Trance anfing und erst langsam Fahrt aufnahm. Ein Sommer voller Reisen, ein Herbst voller Verwirrung und ein Winter wie eine Achterbahnfahrt mit glücklichem Ende. Selten habe ich mich zum Abschluss eines Jahres so gut gefühlt. Aber es fühlt sich nicht an wie Silvester. Es ist nur eine weitere Party auf der Welle, die ich reite. Könnte jetzt bitte auch noch ne Wohnung vom Himmel fallen?

Wieder zu Hause

Schreiben, weil ich das Gefühl habe, schreiben zu wollen. Ja, schreiben zu müssen. Es will raus. So wie man im Wald steht und schreien möchte. Aus Freude, aus Angst, aus Lust. Laut, damit jeder einen hört. Und doch ist keiner da. Das macht vielleicht auch den Reiz aus. Hier aber sind viele, schauen und lesen. Und das hemmt. Trotzdem will ich schreiben.

Auf dem langen Weg nach Hause, mit Zeit im Gepäck, um zu rekapitulieren, nachzudenken, den Gedanken freien Lauf zu lassen und sie wieder einzufangen, einen Fuß vor den anderen setzen. Ich habe schreien wollen, aber nach über sechs Stunden reden, erzählen und lachen ist die Stimme angekratzt, das Bier brennt noch in der Kehle, die Zigarette schmeckt nicht mehr. Aber das Lächeln bleibt. Meins im Gesicht und Deins auf den Bildern im Kopf.

Schreiben, weil ich das Gefühl habe, schreiben zu wollen…


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